Plädoyer für die Schönheit

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„Es ist mit der Schönheit so ähnlich wie mit dem Glück“:

Jeder hat so seine eigene Meinung darüber – und mit dieser Antwort gibt man sich dann oft zufrieden. Aber sie ist uns alles andere als egal! Wir jagen ein Leben lang Glück und Schönheit hinterher. Aber, wonach jagen wir da eigentlich? Und: Warum jagen wir danach? Ist es das überhaupt wert?“ Michel de Montaigne brachte es im schon im 16. Jahrhundert in diesen Sätzen sehr gut auf den Punkt.

 „Wir haben die hohe Kunst verloren, Bedeutung durch Schönheit auszudrücken!“

(Paul Valéry französischer Lyriker, Philosoph und Essayist)

Dieses Zitat hat heute leider mehr Bedeutung als je zuvor. Eine „verzauberte“ Schönheit ist in unserer Konsumgesellschaft allgegenwärtig. Artifizielle Schönheitsideale sind ins Lächerliche verzerrt, bedenkt man die heute am Computer generierten unwirklich Schönen, die uns auf Schritt und Tritt begegnen. Medial wird uns oft ein Trugbild vorgegaukelt, das nicht erreichbar ist, weil eben nur künstlich entstanden. Inflationär, oberflächlich, banal und aufdringlich präsentiert es sich als gesellschaftliches „must have“ und ist oft zusätzlich an flüchtige Begrifflichkeiten wie Jugend und Luxus gekoppelt. Es wird uns suggeriert, wer nicht schön/makellos/jung ist oder zumindest viel Schönes/Luxuriöses/ Prestigeträchtiges besitzt, ist nichts wert. Damit stellt sich die Schönheit uns leider zumeist als Fratze und Schatten ihrer selbst dar und fokussiert nur Äußerlichkeiten.

„Die Außenseite eines Menschen ist das Titelblatt des Inneren.“ Persisches Sprichwort

Jeder verrät, sogar wenn er eine Uniform trägt, etwas über sein Inneres. Wir kommunizieren über unser Äußeres (Kleidung, Frisur, Gestik, Bewegung, Körperhaltung etc.), und geben dabei auch viel über unser Inneres preis - und das selbst dann, wenn unser Gegenüber kein „Auge“ für „guten Geschmack“ hat. Wir besitzen erwiesenermaßen ein inneres Harmoniebedürfnis, das unterbewusst das Gesehene „schubladisiert“ und „kategorisiert“. Wenn mehr Menschen darüber Bescheid wüssten, würden sie sich vermutlich aufmerksamer und achtsamer kleiden. Es geht hierbei nicht um modisch, sondern um gepflegt und harmonisch.

Ist das Streben nach Schönheit oberflächlich?

So mancher ist geneigt, den Körper und das äußere Erscheinungsbild als „profan“ abzutun und die damit verbundene Schönheit als eitlen Tand zu diffamieren. Speziell Engländer mit einem ausgeprägten intellektuellen Background sind bekannt dafür, absichtlich bei Kleidung einen fragwürdigen Geschmack zu kultivieren, um ihr Gegenüber darauf aufmerksam zu machen, dass sie eben keinen Wert auf äußere Schönheit legen. Ich finde, dass Intellekt, Herkunft oder andere „hehre“ Eigenschaften nicht „besser“, „höher“ oder „wertiger“ sind als die äußere, „oberflächliche“ Schönheit, sie sind einfach nur „anders“. Wer sich darüber erhebt, ist im wahrsten Sinn des Wortes „überheblich“. Vielmehr, so meine ich, sollte es Ziel sein, mit allen Qualitäten die einem zur Verfügung stehen, Schönheit zu leben.

Was wäre denn ein Leben ohne Schönheit?

Ist nicht in allem Schönheit enthalten, wird nicht erst alles durch seine Schönheit erstrebenswert? Die äußere Schönheit entspricht der Suche und dem Ausdruck nach Authentizität und eigenem Stil. Sie sucht ein Gleichgewicht, das das Innere durch das Äußere zeigt und basiert damit natürlich auch auf gewissen Kompromissen, so die äußeren Ansprüche sich nicht ganz mit dem "Inneren" decken. Es ist zumeist jedoch eine Suche nach Schönheit - nicht nur im Äußern, sondern im erweiterten Sinn. Schließlich offenbart sich uns die Schönheit auch im Geist, im Herzen, in der Kunst und in sehr vielen anderen Dingen.

Soviel in dir Liebe wächst, soviel wächst die Schönheit in dir. Denn die Liebe ist die Schönheit der Seele.

(Augustinus Aurelius, Bischof von Hippo, Philosoph, Kirchenvater und Heiliger)

Die Schönheit des Herzens ist nicht nur etwas, das wir im andern suchen, sondern auch in uns zu kultivieren sollten – und auch hier zeigt sich, dass auf diese Art von Schönheit in unserer egoverliebten Gesellschaft allzu oft vergessen wird. Die „Ich-Aktie“ steht im Vordergrund und nicht die Achtsamkeit des Herzens. Selbstliebe wird mit Selbstverliebtheit verwechselt, der Blick ins Innere, aus Angst, dass das von außen aufgesetzte „schöne“ Bild zerstört werden könnte, oft erst gar nicht gewagt. Dabei ist man – und das ist eigentlich kein großes Geheimnis, erst dann fähig andere zu lieben und auch das Schöne in ihnen zu erkennen, wenn man gelernt hat, sich selbst anzunehmen und zu lieben. 

Übrigens, es gibt sie, die absolute Schönheit!

Dies beweist eine Studie. Es gibt etwas, dass Menschen auf allen Kontinenten für schön befinden. Es ist eine Landschaft: sanfte Hügel, weiter Blick, Berge am Horizont, Wasser. Kinder in aller Welt wählen Fotos aus, die diese Merkmale zeigen, wenn sie gefragt werden, welche Landschaft schön ist. Aber meist geht es ja nicht um Natur, wenn wir über Schönheit nachdenken, sondern um uns selbst, unserer individuelle Beziehung zu Schönheit.

Vielleicht finden Sie, liebe Leserinnen, in diesen Zeilen einige Anregungen um die verregneten Sommertage für ein inspiratives Gespräch zum Thema Schönheit zu nutzen oder sich Gedanken darüber zu machen, wie Sie Ihr Leben etwas „verschönern“ können.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen noch einen schönen Sommer!

Ihre

Irmie Schüch-Schamburek